Buchrezension

 

Takis Fotopoulos: 'Umfassende Demokratie - Die Antwort auf die Krise der Wachstums- und Marktwirtschaft'.

480 Seiten, Trotzdem Verlag, Grafenau 2003. (www.trotzdem-verlag.de)

 

Den Fotopoulos habe ich aufmerksam gelesen und will Ihnen ein Résumé meiner kritischen Gedanken, die das Buch weckte, vermitteln.

 

Was zunächst meine Zustimmung findet (es ist nicht wenig!):

 

Ich bin voll einverstanden mit der Kritik sowohl an der Sozialdemokratie wie auch am sogenannten "real existierenden Sozialismus", der keiner war. Das selbe gilt von den heutigen Herrschafts- und Produktionsverhältnissen, von der neoliberalen Globalisierung, der "Vermarktwirtschaftlichung". Auch mit der Kritik am Marxismus und Leninismus stimme ich überein. Das eine echte Demokratie mit einer kapitalistischen Wachstumswirtschaft unvereinbar ist, sage ich selbst schon seit langem. Dasselbe gilt von der Amerikanisierung unseres politischen und kulturellen Lebens. Die neue Klassenstruktur, die Fotopoulos als "40% Gesellschaft" charaktisiert, gibt die Realität wohl weitgehend richtig wieder. Auch mit der Kritik am klassischen Anarchismus, der von einer naturgegebenen Tendenz zu einer dezentralen Gesellschaft spricht, stimme ich überein. Über die Notwendigkeit einer radikalen Umweltpolitik brauchen wir ebenfalls nicht zu streiten. Auch darüber nicht, daß unsere Politik ganz allgemein in eine Krise geraten ist, die heutige repräsentative Demokratie zu einer Oligarchie entartet ist und die Theorie einer Zivilgesellschaft á la Walzer ebensowenig eine echte Alternative bildet wie der "Dritte Weg" und der "Kommunitarismus". Der Satz, daß die liberale Demokratie auf einer völligen Abstraktion der individuellen Freiheiten von ihrer sozioökonomischen Basis gründe, spricht aus, was ich mit meinem Bild von der auf Halbmast stecken gebliebenen Trikolore bildhaft auszudrücken versuchte und versuche.

 

Nun aber zu Fotopoulos Gegenentwurf. Ich bekenne mich bekanntlich als Radikaldemokraten, und verstehe unter Radikaldemokratie ungefähr dasselbe, was Fotopoulos unter seiner "Inclusive Democracy", also einer "umfassenden Demokratie" versteht. Bloss, um gleich mit meinem Haupteinwand zu beginnen: ich betrachte diese Radikaldemokratie als regulative Idee, als einen Idealtyp, als eine Theorie, die selbst im besten Fall nur partiell verwirklicht werden kann, und nur auf dem Wege eines langen Lernprozesses in dessen Verlauf diese Theorie permanent angepasst werden muss. Dabei verstehe ich unter "angepasst" natürlich nicht, sich dem Kapitalismus anzupassen, wie es die Sozialdemokratie getan hat und laufend tut, sondern ich meine, um es vereinfacht zu sagen, daß die Theorie die jeweiligen Veränderungen in der gelebten Praxis berücksichtigen muss, um realitätsnah zu bleiben und ohne die regulative Idee aus den Augen zu verlieren. Wobei ich mir keine Illusionen über deren augenblicklichen Verwirklichungsmöglichkeiten mache. Ich zweifle heute sehr, ob in absehbarer Zeit relevante Fortschritte unserer Gesellschaft in Richtung auf eine Radikaldemokratie gemacht werden können. Der Kapitalismus ist ein Fels, den auch die stärkste Brandung nicht zertrümmern kann, sondern bestenfalls im Laufe einer langen Entwicklung unterhöhlen kann. Wobei heute auch an die Möglichkeit gedacht werden muss, daß Wissenschaft und Technik, die ja bereits der Globalisierung den Weg bereitet haben, zu ungeahnten Entwicklungen unseres politischen und wirtschaftlichen Systems führen können. Aus all diesen Gründen bekenne ich mich zu einem "Credo quia absurdum est" und zu Adornos Flaschenpost, der ich meine regulative Idee anvertraue.

 

Aber ich habe auch grundlegende Einwände gegen Fotopoulos Utopie. Wie alle klassischen Utopien fusst diese auf einem unrealistischen Menschenbild. Es fehlt in dem Buche eine Anthropologie. Der Mensch ist ein korruptionsanfälliges Konflikt-und Mängelwesen, und er wird das voraussichtlich immer bleiben. Fotopoulos jedoch setzt einen idealen, bloss am Gemeinwesen interessierten "homo democraticus" voraus, der seine ganze Freizeit in unzähligen Bürgerversammlungen und Betriebsversammlungen verbringt und so hervorragend über alles, worüber er zu entscheiden hat, informiert ist, daß er überall mitreden und mitentscheiden kann. Mit anderen Worten: Fotopoulos überschätzt die Möglichkeiten des Durchschnittsmenschen masslos. Er hat eine naiv optimistische Anthropologie, die allen unseren Erfahrungen mit dem Menschen widerspricht. Und nichts spricht dafür, daß der Mensch sich im Laufe der Entwicklung so radikal ändern könnte, daß er die Rolle, die ihm Fotopoulos zuschreibt, gültig spielen könnte. Damit im Zusammenhang steht Fotopoulos völliges Außerachtlassen der Frage des Rechts. Wie kann der Rechtsstaat auf Gemeindeebene realisiert werden? Zweifellos: die Gemeinde als Kernzelle aller Demokratie ist und bleibt wichtig, aber ebenso wichtig ist das Subsidaritätsprinzip, das Fotopoulos nur am Rande erwähnt. Dieses Prinzip lässt sich in einer "Wirtschaft ohne Staat, Geld und Macht" schlechthin nicht verwirklichen. Und wie sollen Bürgerversammlungen makroökonomische Entscheidungen treffen können, ohne daß die Bürger sich in permanenter Tag- und Nachtarbeit das Wissen anzueignen bereit sind, das benötigt wird, um solche Entscheidungen treffen zu können. Wo nehmen die Bürger die Zeit dazu her? Sie werden doch durch ein solches System völlig überfordert, ganz abgesehen davon, daß dieses System bei den Bürgern ein Interesse voraussetzt, von dem zumindest in unserer Fernseh-, Handy- und Fußball- "kultur" kaum etwas zu sehen ist. Es braucht schon einen Irakkrieg oder ein terroristisches Attentat, um über den Alltag hinausreichendes Interesse der Bürger zu wecken...

 

Einverstanden bin ich mit Fotopoulos "demotischem Eigentum", bloss müsste er sagen, wie er sich die Umwandlung unseres globalisierten Finanzsystems - um nur dies zu erwähnen - in ein von Bürgerversammlungen gesteuertes vorstellt. Auch Fotopoulos sagt nicht, wie sein "Gutscheinsystem", das an Stelle des Geldsystems treten soll, funktionieren soll. Andrerseits spricht er von "demotischen Währungen", aber damit, daß man allem ein "demotisch" voranstellt, lassen sich die Verhältnisse noch nicht umfassend ändern. Und wie soll der Demos seine Kontrolle über die industrielle Produktion etwa im Falle eines Pharma-Grosskonzerns ausüben? Das könnte nicht einmal ein Demos, der von der Berufsarbeit befreit wäre und die nötige Zeit fände, sich in die Probleme eines Grosskonzerns einzuarbeiten. Schliesslich sagt Fotopoulos auch nicht, wie ein "demotisches Sozialsystem" funktionieren soll. Eine AHV und eine IV auf Gemeindeebene ist doch undenkbar. Und wie soll ein demotisches Steuerwesen funktionieren? Wie organisiert und finanziert und kontrolliert man demotisch die Eisenbahnen, den Flugverkehr, die Atomindustrie, die Gen- und Nano-Technik? Die Energieversorgung?

Usw., usw.

 

Fotopoulos ist ein Opfer seiner Idee geworden. Die Radikalität seiner Utopie führt sich selbst ad absurdum. Sie hat den Kontakt mit der Realität, auch und vor allem derjenigen der "condition humain" verloren. Trotzdem kommt ihr, wie jeder echten Utopie, eine wichtige Funktion zu: sie weist mit ihren Idealvorstellungen auf die Defizite, die Gefahren, die Verlogenheit, die verschleierten brutalen Interessen usw. des Bestehenden hin und hält ein Bewußtsein von Menschenwürde, Menschenrecht - das Fotopoulos zwar als obsolet erklärt! -, wahrer Freiheit, Brüderlichkeit usw. wach. Überhaupt ein Bewußtsein von der Möglichkeit alternativer Gesellschaftsformen. Das ist vielleicht das Wichtigste in unserer Zeit einer allgemeinen Alternativen-Indolenz, selbst derer, die sich Linke nennen.

 

Noch vieles wäre zu sagen, aber das soll für den Augenblick genügen.

 

 

 

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Arnold Künzli geboren 1919 in Zürich, Kindheit in Zagreb. Studium der Philosophie, Germanistik und Romanistik an der Universität Zürich, sowie interessehalber der Psychologie und der dialektischen Theologie. Nach der Promotion mit einer Arbeit über Sören Kierkegaard, Auslandskorrespondent der Baseler National-Zeitung in Rom, London und Bonn. 1964 Habilitation an der Universität Basel für Philosophie und Politik mit einer Arbeit über Karl Marx. 1971 a.o. Professor, 1984 emeritiert. In den 60er und 70er Jahren engagiert im christlich-marxistischen Diskurs, im Dialog-Zentrum 'Center for Study of Democratic Institutions' im kalifornischen Santa Barbara sowie in der jugoslawischen Praxis-Gruppe und deren Sommerschulen auf der Insel Korcula.